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Reise durch Spanien in der Weihnachtszeit
Veröffentlicht am Dienstag, 16.November 2004 um 13:00 Uhr
Thema: Spanien Reisen
Die Kathedrale von Sevilla, die drittgröβte christliche Kirche der Erde, ist festlich geschmückt. Es ist der 8. Dezember, das Fest der „Unbefleckten Empfängnis“, das hier in Sevilla erste weihnachtliche Gefühle weckt. Eine Woche lang drängeln sich die Menschen im riesigen Innenraum der Kathedrale, um den berühmten, von Kastagnettenklängen begleiteten Gesang und Tanz, den „Baile de los Seises“ zu bewundern. Zwölf Chorknaben, gekleidet in die historischen blau-weiβen Kostüme von königlichen Pagen aus der Zeit der Habsburger, tragen ihn mit ihren hellen Stimmen vor.
Die Tradition geht zurück auf das 15. Jh.., als die jungen Sänger noch als Hirtenjungen gekleidet und ursprünglich als Begleitinstrument maurische Schellentrommeln benutzten. Einst waren es 16 Jungen, daher der Name „Los Seizes“, der im Laufe der Jahrhunderte aufgrund der andalusischen Aussprache des „z“ als „s“ zu „Los Seises“ wurde. Sie singen auch an Fronleichnam (in rot-weiβen Kostümen) und in der Woche um den 8. Dezember. Der „Baile des Los Seises“ setzt sich aus drei verschiedenen, einfachen Tänzen zusammen: Der erste ist der Gottesmutter, der zweite dem Bischof und der dritte dem Rathaus und Volk geweiht.


In der Kathedrale von Sevilla wird am 8. Dezember das Fest der "unbefleckten Empfägnis" gefeiert.
Foto: Tourspain

In Barcelona beginnt am 13. Dezember die Zeit der weihnachtlichen Festlichkeiten. Ab diesem Tag, dem Fest der Heiligen Lucía, wird rund um die Kathedrale und die Plaza Nueva am Rand des gotischen Altstadtviertels, der Santa Lucía-Markt eröffnet. An Dutzenden von Verkaufsständen aus Holz finden sich traditionelles Kunsthandwerk  und alles, was das Herz an Weihnachtsdekorationen begehrt. Besonders schön ist ein Spaziergang am Abend über den Platz, wenn die Petroleumlampen und bunten Lichterketten an den Verkaufshäuschen vor der hell erleuchteten Kathedrale angezündet werden. Überhaupt spielt das Licht die wichtigste Rolle am Fest der „Erleuchteten“ und Schutzpatronin der Augen. Denn es geht zurück auf vorchristliche Traditionen, die die Wintersonnenwende einläuteten, und auf ein altes heidnisches Fest, das die Römer mitbrachten. Den weihnachtlichen Markt gibt es bereits seit 1786, als zum ersten Mal Kunsthandwerk zum Verkauf angeboten wurde.

Ganz Spanien fiebert am 22. Dezember der Sonderziehung der „Lotería de Navidad“ entgegen. Über mehrere Stunden übertragen Fernsehen und Radio dieses Ereignis. Die gezogenen Gewinnerzahlen werden von den Chorknaben des Colegios San Ildefonso in Madrid singend vorgetragen. Der erste Preis, „El Gordo“ – „der Dicke“ genannt, beläuft sich auf 2 Millionen Euro, die das Leben so manchen Spaniers zwei Tage vor Heiligabend verändern. Seit König Karl III. im Jahr 1763 die spanische Lotterie ins Leben rief, sind Jahr für Jahr Millionen von Menschen im vorweihnachtlichen Lottofieber.

Aus den Bergen und Wäldern des Baskenlandes und Navarras bringt der Olentzero, ein alter Köhler, den die Kinder am 24. Dezember mit einem Lied begrüssen, die Geschenke. „Olentzero joan zaigu, mendira lanera…. Aditu duanean,  Jesus jaio zela, Lasterka etori da, Berri ematera“ – „Olentzero ging in die Berge, um zu arbeiten….Als er hörte, dass Jesus geboren wurde, kam er schnell, uns die Botschaft zu bringen“. Pfeife rauchend, in der traditionellen Kleidung der baskischen Landarbeiter mit Schnürsandalen und weiβen Kniestrümpfen, blau-weiβen Hosen, einem blauen Hemd und blau-weiβem Halstuch, kommt er mit seinem Esel „Astotxo“, um die Kinder zu beschenken. In einigen Orten ziehen die Kleinsten singend von Haus zu Haus und führen den Olentzero als groβe Puppe auf einer Trage sitzend durch die Strassen.

Eine alte Tradition, die aus den Dörfern der Bergregionen Aragons und Kataloniens stammt und heute hauptsächlich in Katalonien zu Hause ist, ist der „tio“. Dabei handelt es sich nicht etwa um ein menschliches Wesen, sondern um das Stück eines Baumstammes, der in den Weihnachtstagen in der guten Stube liegt und mit einer Decke bedeckt ist. Früher hob man in den Dörfern, wenn man Holz für den Winter sammelte, den prächtigsten Stamm für diesen Anlass auf. Die Kinder haben ihren Spaβ daran, den „tio“, was übersetzt „Onkel“ heiβt, zu füttern und am Weihnachtstag nach einem fröhlichen Weihnachtslied, einem „villancico“, mit einem Stöckchen auf den Stamm zu schlagen. Nach diesem Ritual darf die Decke weggezogen werden und der „tio“ revanchiert sich mit Süβigkeiten und kleinen Geschenken.

In ganz Spanien feiern die Gläubigen am 24. Dezember die „Misa del Gallo“, die „Hahnenmesse“ oder Christmette, die meist um Mitternacht, nachdem die Familien ihr Festmahl genossen haben, stattfindet. Typische Weihnachtsgerichte sind Fisch oder Truthahn. Nicht fehlen dürfen Turrón, eine Weihnachtssüßigkeit aus Mandeln, Honig, Zucker und Eiweiß, und Marzipan. Hergestellt wird der bekannteste Turrón in Jijona, einer Stadt in der Provinz von Alicante, während das berühmteste Marzipan aus Toledo kommt.

Die Tradition der „Lebenden Krippen“, „Pessebres vives“ oder auf spanisch „belenes vivientes“, die sich mittlerweile auf viele Orte in ganz Spanien ausgeweitet hat, stammt ursprünglich aus Katalonien. In mehreren Gemeinden des Hinterlandes von Costa Brava und Costa Dorada stellen Laienschauspieler, oft Hunderte an der Zahl, in den Strassen und auf öffentlichen Plätzen den Lebensalltag in Bethlehem zur  Zeit von Jesus’ Geburt dar. Die Associación der pessebres vives informiert alljährlich im Internet über die Dörfer und Termine unter ribes.org/pessebres/apvc.htm. Meist liegen sie zwischen dem 24. und 30. Dezember sowie am 05. und 06. Januar.

Wer sich am 28. Dezember in Spanien aufhält, der sollte nicht alles glauben, was man ihm erzählt. Selbst den Nachrichten in Fernsehen und Radio ist dann nicht zu trauen. Der Tag, an dem das Christentum der Ermordung der Kleinkinder durch Herodes gedenkt, der „Tag der unschuldigen Kinder“ – „Día de los Inocentes“, ist in Spanien unserem 1. April ähnlich und man ist vor Überraschungen nicht gefeit. Vorsicht ist vor allem beim Öffnen und Probieren von lecker aussehenden Süßigkeiten geboten. Nach ihrem Verzehr verzieht manch einer qualvoll das Gesicht.

In Spanien endet die Weihnachtszeit nicht mit der Silvesternacht, der „Nochevieja“. Am 31. Dezember trifft man sich kurz vor Mitternacht auf dem jeweiligen Rathausplatz der Stadt und verspeist bei den 12 Glockenschlägen, die das Neue Jahr einläuten, die 12 Glückstrauben, „uvas de suerte“. Wer nicht drauβen ist, verfolgt im Fernsehen die Übertragung aus der Hauptstadt Madrid, wo an der Puerta del Sol die Schläge der Uhr das Neue Jahr einläuten und Tausende von Menschen mit Trauben und Cava, dem spanischen Champagner, seine Ankunft feiern.

Den Abschluss, aber auch absoluten Höhepunkt der Weihnachtsfeierlichkeiten für die spanischen Kinder bildet das Fest der Heiligen Drei Könige, der „Reyes Magos“. So ist es auch heute noch Tradition, dass sie die schönsten und gröβten Geschenke bringen, obwohl in vielen Familien mittlerweile auch der 24./25. Dezember ein Tag der Geschenke ist. Auf glanzvoll geschmückten Wagen ziehen die Drei Könige am Abend des 5. Januar durch die Städten und Gemeinden. Es regnet Tonnen von Bonbons und die Reyes sind bemüht, ja auch alle die Briefchen und Zettel aus den vielen Kinderhänden, die sich ihnen am Straβenrand entgegen strecken, anzunehmen. In der folgenden Nacht werden die Stiefel und Schuhe vor die Türen gestellt und am Morgen des 6. Januar packen Kinder mit erwartungsfrohen Gesichtern in ganz Spanien ihre Geschenke aus. Die größten Umzüge finden in Madrid und Barcelona statt. In der katalanischen Hauptstadt kommen die Reyes Magos mit ihrem Gefolge auf festlich beleuchteten Booten am Hafen an, wo Tausende von Kindern ihnen begeistert zujubeln.

Am 6. Januar schließlich isst man gemeinsam in den Familien den „Roscón de Reyes“, einen Kuchen in Ringform. In dem Kuchen ist eine kleine Überraschung eingebacken. Derjenige, der sie in seinem Stück findet, ist König für einen Tag.


 
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